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Zum Tode von Jens Carlberg

6.7.1942 - 8.12.2021

Für Jens

ich muss ehrlich gestehen, dass mir die folgenden Zeilen sehr schwer fallen.

Denn, was soll ich sagen über einen Genossen, dessen innerparteilicher Gegner ich war, der mir aber gleichermaßen als Freund und als Genosse lieb und teuer, als kompetenter Partner in unterschiedlichen Engagements verbunden, als politischer Widerpart äußerst unangenehm war?

Vielleicht das, lieber Jens: verzeih mir all meine Fehler und Unzulänglichkeiten, die Du in den vergangenen 15 Jahren von mir erdulden musstest. Und gleichzeitig: ich erinnere mich gerne an die heftigen und unfreundlichen Diskussionen und die gemeinsamen kulturellen Vorstöße von uns im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf und in Berlin.

Manchmal haben wir uns organisiert, sortiert getroffen – sprachlos, dann wiederum unverhofft, unvermittelt und hatten uns viel zu sagen, zu erzählen, zu berichten und deutlich mehr zu diskutieren. In unseren scharfen Diskussionen fanden wir mehr unserer eigenen Fehler, entdeckten wir mehr über uns selbst als dass wir richten konnten über irgend jemanden. Das war eine der vielen Freuden, die mir der Umgang mit Dir bereitete – so anstrengend er auch sein konnte.

Ich erinnere mich gerne an eine Diskussion über ein Bild in einer Ausstellung, die ich in der Geschäftsstelle kuratiert hatte – Du interpretiertest es politisch, ich ausschließlich künstlerisch; und es dauerte einige Tage, bis wir einen gemeinsamen Zugang zu dem Gemälde einer Künstlerin, einer gemeinsamen Freundin vereinbarten. Und ich könnte Dich heute noch herzen für die Entdeckung eines Musikers, der berJahren wunderbare Beiträge für unsere Veranstaltungen liefert und mit mir, dank Dir schon lange befreundet ist.

Ich denke, dass Du Deine eigenen Leistungen auf einer Ebene unterschätzt hast, die Dir eigentlich nie wichtig war. Dein Bild lag auf der großen politischen Bühne, den globalen Themen, Deine, aus meiner Sicht viel zu spät entdeckte Stärke, lag auf der kleinteiligen, zwischenmenschlichen Ebene, denn da konntest Du einerseits zu einem Mentor andererseits zu einem starken politischen Akteur werden.

Ja, und was mir an Dir besonders gefiel: Deine unvermittelte Loyalität. Jens, Du konntest machmal fürchterlich verbohrt sein, Zusammenhänge ignorant ausblenden, aber Dein scharfer Verstand schaffte das meistens wett zu machen. Aber als typischer Norddeutscher, gebürtig aus Cuxhaven, einer der Städte, die ich sehr mag, konntest Du einfach nicht aufbrausen und auch nicht nachtragend sein. So gesehen geboren für das glatte politische Geschäft. Und genau das hast Du zeitlebens vehement abgelehnt. Das, was Dich im innerparteilichen, zwischenmenschlichen Umgang auszeichnete, Deine Gelassenheit, Deine Liebe, hinderte Dich gleichermaßen politisch – denn da warst Du eindeutig polarisierend, aber leider selten auf der Majoritätsseite. Eigentlich warst Du immer in der polarisierenden Minderheit: als Westdeutscher unorthodoxer Linker der späten 60er und frühen 70er, als Kritiker der Wendezeit, als Oppositioneller in der PDS und der LINKEN, in der viele Dich nicht versöhnlich akzeptiert hatten. Dabei hattest Du die Hand gereicht, indem Du versucht hattest, zu vermitteln, dass Einigkeit im politischen Kampf immer auch die Einigkeit in der kulturellen und moralischen Zielsetzung bedarf. Wir müssen uns verstehen, um unser Verständnis weitergeben zu dürfen. Diese Botschaft sollten wir einfach akzeptieren – ob wir sie beherzigen, können wir, Du Jens, und ich sicherlich nicht oder nur eingeschränkt beeinflussen.

Aber, lieber Freund, wir können fürderhin an Dich denken, Deine durchaus wichtigen Beiträge für die Politik reflektieren, wo möglich auch weitertragen, weitergeben, wenigstens beherzigen.

Machs gut, Genosse, Du warst eine ehrliche Haut und mir war es eine Ehre.

Mit freundlichen Grüßen

Volker Fischer
(war mit Jens 2014/15 im Bezirksvorstand tätig)